Donnerstag, 27.6.

Ich hätte es wissen müssen!

Im Grunde hätte ich es wissen müssen, denn es war ja nicht das erste Mal.

Heute war ich bei H&M ein Kleidchen kaufen oder ein anderes Teil, das zur Verschönerung einer unzufriedenen Frau beitragen könnte. Und da bin ich zu H&M gefahren, weil da die neue Kollektion von Karl Lagerfeld in den Handel gekommen sein soll. Bei Karl Lagerfeld gibt es nämlich immer so viel Schwarzes, und das gefällt mir schon erst mal gut.

Aber als ich dann dort war und auch in Grösse XL Immer noch nicht reinkam bei einer Körpergrösse von 1,55 Meter bekam ich Wut, denn ich bin nicht dick, nur unglücklich.

Ich ging zu den Verkäuferinnen und fragte sie lächelnd, wo sie denn die Kollektion für Deutschland versteckt hätten, denn bisher hätten sie ganz offensichtlich irrtümlicherweise nur die Modelle für Ruanda zum Verkauf angeboten. Sie guckten mich nur verständnislos an. Kein Wunder, sie sahen selbst aus, als hätte man sie gerade nach langer Zeit der Auszehrung aus Ruanda zurückgeholt. Wunderschön und spindeldürr.

Und da fiel es mir wieder ein. Vor Jahren hatte derselbe Kreateur eine Kollektion für Quelle erdacht, bei der man nur daran erkennen konnte, dass die exquisit ausgemergelten gestalten auf den Hochglanzseiten Frauen sein MUSSTEN, weil sie sogenannte Zweiteiler trugen. Bikini sagten wir früher dazu. Und bei aller Ausgelassenheit in der modischen Welt habe ich doch noch nie einen Mann in einem Bikini gesehen, denn ansonsten hätte man meinen müssen...

Warum machen diese Künstler keine konsequente Mode? Für echte Jünglinge. Warum müssen sich die Mädels erst jede weibliche Note abhungern, damit sie dann in Frauenkleidern wie verzauberte ungs aussehen!?

Also, ich versteh das nicht.

Und ich kam mir ziemlich verarscht vor, als ich - selbstverständlich - ohne Designerteilchen heimfahren musste. Dabei hätte ich gerade heute ein bisschen Ermunterung ganz dringend gebraucht.

Nun sitze ich hier und weiss einfach nicht, wie es weitergehen soll. Mein Hund ist krank, mein Mann ist weg, und meine Küche sieht schon wieder so aus, wie sie eigentlich immer aussieht. Als hätte ein Vertreter für Küchenartikel alle seine Proben auf meinem Tisch liegen lassen, ein wenig benutzt, und - wegen der Optik - noch ein paar auf dem Fussboden nicht unmalerisch verteilt. Auch das verstehe ich nicht. Ausser mir ist doch niemand hier. Wer macht denn da nur immer diese Unordnung? Irgendwann werd ich mal - etwas ganz grosses tun...

Jetzt muss ich aber erst mal etwas ganz anderes tun.

Jetzt muss ich zum Tierarzt fahren, und zwar ganz ganz schnell!

Meine Hündin Heisst CHEFIN, und sie ist ein grosses Glück für mich. Sie hat mir seit meiner Trennung so schön beigestanden, war immer für mich da. Sie hat für mich mehr getan als der beste Psychologe ( gibt es sowas überhaupt? ). Ihr konnte ich völlig kostenfrei auch zum hundertstenmal immer wieder dasselbe erzählen, ohne dass sie auch nur eine Miene verzogen hätte. Oder eine dieser dämlichen Fragen gestellt, die eine wie mich, frisch getrennt, wieder völlig aus der Bahn geworfen hätte, dass ich alles noch mal von vorn hätte erzählen müssen. Schliesslich will man ja auch mal fertig werden mit seiner Geschichte. Meine CHEFIN hat mir jedenfalls immer beigestanden.

Und jetzt muss ich ihr beistehen, denn sie hat einen unnatürlich aufgeblähten Bauch. Und sie wedelt auch nur noch ganz traurig mit dem Schwanz, wenn ich sie anspreche. Irgendwie apathisch. Hoffentlich ist es nichts Ernstes! Ich habe nämlich ehrlich gesagt für richtige Ernsthaftigkeiten gar keine richtige Zeit.

Das ist für den Tierarzt mit dem besten Ruf und den höchsten Rechnungen in Dresden natürlich ohne Bedeutung. Sein Wartezimmer ist immer gerammelt voll. Ich habe also ungefähr einen halben Tag Rumsitzen und wohlwollendes Vergleichen mit den anderen Hunden vor mir.

Und trotzdem bin ich wieder ganz glücklich, wenn ich meine Hündin so betrachte. Ihr riesengrosses herzensgutes Gesicht mit den schönen Augen. Die massige Figur und diese samtige Schnauze, in der sie ein paar beachtliche Zähne versteckt hat. Die ich manchmal blosslege, indem ich aus Prahlsucht und Stolz ihre Lefzen hochklappe, weil sie das von selbst nicht tun würde. Sie ist ein Bullmastiff, eine Mischung aus englischem Mastiff und Bulldogge und hat sowas nicht nötig. Ich wahrscheinlich schon. Schliesslich ist mein Sternbild LÖWE, Aszendent LÖWE, eine doppelte Bürde, das muss ich schon sagen.

Oh, nach drei kurzen Stündchen sind wir schon im Behandlungszimmer. Toll. Was der Tierarzt nach seiner Untersuchung und einem langen, unheimlich beängstigend langen Blick auf CHEFIN zu sagen hat, ist überhaupt nicht toll. Er guckt mich genauso beängstigend ernst an und sagt:"Das sieht aber gar nicht gut aus! (!!!) So ein aufgeblähter Bauch deutet zu 90% auf Krebs. (NEIN!NEIN!NEIN!NEIN!). Da mache ich Ihnen nicht viel Hoffnung. Ich werde jetzt alle weiteren notwendigen Untersuchungen machen, sie eine Woche zur Beobachtung hier behalten (TEUER! Verzeih mir, CHEFIN, das war nicht so gemeint!) und gebe Ihnen dann endgültig Bescheid."

Scheisse, eine solche Diagnose wollte ich als Letztes hören. Ich muss erst mal raus und einige Zigaretten rauchen, um zur Besinnung zu kommen. Aber noch habe ich Hoffnung: Ich habe vor einiger Zeit, als es mir nicht so besonders ging, beziehungsmässig, meine ich, und ich alles gelesen habe, was man da eben so liest, ein Buch in die Hände bekommen, das heisst "Bestellungen beim Universum". Und da stand eigentlich alles drin, was man zum Leben braucht. Nämlich immer, wenn man sich etwas ganz toll wünscht oder braucht, gibt man eine sogenannte Bestellung beim Universum auf. Wie in einem Versandhaus, "Quelle" oder so, und dann wird man schon sehen, was passiert...

Anfangen kann man ja erst mal mit der sogenannten Parkplatzbestellung. Wenn man dann etwas mehrÜbung darin hat, kann man zu komplizierteren Sachen übergehen. Sich eine Freundin bestellenzum Beispiel, mit der man nicht konkurrieren muss. Im Kopf geht dann ein Schalter rum, und es wird etwaspassieren, denke ich mir die Erklärung zusammen. Deshalb ist es bei CHEFIN etwas schwerer, da reicht es nicht, dass in MEINEM KOPF ein Hebel umgelegt wird. Aber trotzdem, vielleicht gibt ja auch der Himmel zusätzlich eine gewisse Hilfestellung, wenn es ganz  dringend ist.

Auf jeden Fall ist das eine Möglichkeit, wenn einem sonst nichts mehr einfällt, etwas zu bewegen, etwas in Gang zu bringen, und manchmal klappt das dann. Aber eben oft auch anders als man denkt. Aber wirhaben sowieso keine Wahl, meine CHEFIN und ich. Für uns ist es die letzte Hoffnung.

Ich habe nämlich wirklich ein paar Mal richtig gute Erfahrungen mit diesen Bestellungen gemacht. Wie gesagt, immer ein bisschen anders, als ich direkt bestellt hatte. Aber was soll ich sonst machen!? Ich bin ehrlich gesagt schon ziemlich verzweifelt.

"Ich bestelle, dass CHEFIN keinen Krebs hat. Und wenn sie keinen Krebs hat, verspreche ich (sozusagen als Belohnung für das Universum) , sofort mit dem Rauchen aufzuhören!!!"

Huch, jetzt war`s raus, das kann ich jetzt nicht mehr zurücknehmen, obwohl es mir fast ein bisschen voreilig vorkommt. Schliesslich rauche ich an die zwanzig Zigaretten täglich. Aber - man muss auch mal ein Opfer bringen. Für meine CHEFIN ist es bestimmt viel schwerer, so allein in der Tierklinik...Mit einem Katheter im Bauch und so...also, ich will das gar nicht so genau wissen...

Um mich ein wenig abzulenken, habe ich endlich die Ladung alter Möbel zum Entlacken gebracht, dieich vor einiger Zeit mal günstig auf dem Flohmarkt gekauft hatte. Einen alten Stuhl, ein weiss gestrichenes Apothekerschränkchen, ein ebensolches Regal und ein rosa Vertiko - alles frohe Farbkreationen der siebziger Jahre. Bestimmt sehen die Sachen klasse aus, wenn der Lack erst mal ab ist.

Von mir kann ich das nicht sagen, seit der Lack ab ist.Ich warte übrigens immer noch auf die grosse Ladung Weisheit, die mit dem Älterwerden versprochen wurde. Das mit dem Älterwerden hat doch schliesslich auch geklappt. Immerhin bin ich ohne besonderes Bemühen älter und älter geworden, zur Zeit gerade noch 49 Jahre alt.

Also her mit der Weisheit! Und her mit der Arbeit, damit ich CHEFIN`s Klinikaufenthalt bezahlen kann.

Mit meiner Arbeit ist das so eine Sache. Ich habe eine kleine Szene - Kneipe und damit den gefährlichsten Beruf der Welt gewählt: Ich werde ständig zum Rauchen und zum Trinken animiert. Und es ist wahrlich nicht leicht, da immer ein kleines Tapferchen zu sein und vor allem den ganzen Abend auch zu bleiebn. Man ist umzingelt. Und ich bin auch noch so leicht zu beeinflussen.Meine Kneipe ist ein kleines Nachtcafe in einer kleinen Stadt in Sachsen. Ich habe es mit einem wunderbaren alten Freund aus einer alten Garage sozusagen in Heimarbeit selbst hergestellt. Leider ist mein Freund ziemlich schnell dem gefährlichen Sog, den ich vorhin andeutungsweise erwähnte, erlegen mit allen seinen Folgen. Er war sein bester Gast geworden und weilt nun schon lange nicht mehr unter uns. Schade, dass Alkohol so traurige Nebenwirkungen hat, denn er bringt auch ausgesprochen viel Freude ins Leben. Immer, wenn wir nachts die letzten Gäste verabschiedet hatten, sassen wir beide noch lange am Tresen rum, tranken ein paar weitere Pils und unterhielten uns immer hoffnungsfroher. Zum Beispiel über Beziehungen, er war auch getrennt. Auch da ist Alkohol sehr hilfreich, er löst die Zunge. Oder kann man sich etwa mit einem nüchternen Mann stundenlang über Beziehungen unterhalten? Na also.

Mit ihm hatte ich jedenfalls eine wunderbare Zeit, wir konnten auch gemeinsam über die Gäste reden. Mit wem soll ich das jetzt machen? Etwa mit den anderen Gästen? Er fehlt mir

20.1.07 18:17

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