JA, ICH MUSS TURNEN

Das erste Mal ging ich ganz alleine hin. Die vielen Spiegel, meine Gott! Spiegel sind nur was Schönes, wenn man darauf vorbereitet ist. perfekt geschminkt und von vielen Kerzen umgeben. Oder wenn man das zarte Alter von siebzehneinhalb auf keinen Fall überschritten hat. Aber mit siebzehneinhalb findet man sich leider nie so schön wie man dann nie wieder sein wird.

Eine unendliche Tragik liegt in dem weiblichen Verhältnis zum Spiegel sobald wir die Worte BIKINI, DICK, SOMMERSPROSSEN, BEINE und HAARE fehlerfrei aussprechen können.

Im Fitness - Studio gab es zu allem Überfluss nur diese billigen Spiegel, die alles unschön auseinander zerren. Reicht denen denn nicht, wie man so schon aussieht? Haben die kein Geld für ordentliche Spiegel, die uns nicht so deprimieren? Am Mitgliedsbeitrag kann es jedenfalls nicht liegen, davon kann man viele sehr gute Spiegel mit Weichzeichner kaufen.

Ich hopste vor den Spiegeln rum wie all die anderen und wurde immer wieder von ungebetenen Lachanfällen geschüttelt, wenn ich mal nicht umhin konnte, reinzugucken. Sehr kurz - aber dafür umso breiter.

Naja, die Lachanfälle wurden deutlich weniger, als Marlene irgendwann neben mir turnte und genauso im Zerrspiegel aussah wie im Leben : schlank und schmal uns sehr schlank.

Also, ich weiss beim besten Willen nicht, warum mir nun immer, wenn ich dort turne, die Worte von Judy Dench in den Rücken fallen : sie sei ein Zwerg in den Wechseljahren. Ich habe es schon ganz allein schwer genug mit dem Älterwerden. Schliesslich bin ich noch nicht allzu lange getrennt und allein und habe manchmal in letzter Zeit das unprickelnde Gefühl, eine erotische Tarnkappe zu tragen.

Aber, die kleine Optimistin lässt sich nicht so leicht unterkriegen. Sie turnt!

Als ich heute nach Hause kam, wäre ich fast über einen Berg von Zuschriften gestürzt, so viele waren es.

Na gut, wenn ich ehrlich bin, bin ich bloss über CHEFIN gestolpert, die hinter der Tür lag. Aber der Trost lag dahinter : 37 Zuschriften beziehungsweise 37 potentielle männliche Ärgernisse. Da macht das Leben wieder Spahaß, auch ohne Zigaretten. ( Das ist gelogen. )

Ich rufe gleich Sophia an und lese ihr die ersten zehn vor. Sophia ist meine zweitälteste - die Ärmste - Freundin, wohnt in Brüssel, ist wie ich zweimal geschieden und hat ihren jetzigen Mann - den Dritten - über eine Anzeige kennen gelernt. ER war der dritte Brief. Eine beneidenswert schnelle Lösung und ein klasse Mann. Seitdem ist Sophia im Kreise meiner alleinstehenden Freundinnen so etwas wie eine Hoffnungsträgerin dafür, dass noch alles gut werden kann.

Sie war es auch, sie mich zu meiner Anzeige ermuntert hat, deshalb soll sie jetzt auch mit entscheiden, wer die kleine Charlotte als erster treffen darf.

In meiner Anzeige stand nur :"OPTIMISTIN, 49, SUCHT NEUEN ÄRGER."

Wir entscheiden uns für die ebenso knappe Antwort eines Dresdners :"Dann bring mich doch mal zur Weissglut!Robert, 51, Architekt, Telefonnummer... 

25.1.07 01:42

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