OPTIMISTIN SUCHT NEUEN ÄRGER, AUS DEM TAGEBUCH EINER CHAOTIN, TEIL 6

Mittwoch, 3.7.

Mist, ich habe verschlafen, und mein Kopf ist irgendwie wattiert. Die Steppnähte verlaufen unregelmässig am Hinterkopf zusammen und drücken bei jeder Bewegung schmerzhaft. Dafür habe ich Ärmchen wie Klingeldrähte beim Kaffee einschenken. Es scheppert und kleckert ganz schön.

Ich rase mit CHEFIN in die Landeshauptstadt - sie muss bestimmt schon ganz dringend. Ich muss auch ganz dringend - eine oder lieber gleich zwei Kopfschmerztabletten einnehmen. Dabei fing der Abend ganz harmlos an.

Robert, 51, Architekt, stand nicht vor der Kneipe, als ich ankam, also ging ich rein. Es war tatsächlich nrappelvoll da drin. Ein Kellner kam, und ich sagte, dass für mich reserviert sei. Er guckte nach, nickte und führte mich in einen relativ dunklen Raum zu einem Vierertisch. Alle anderen Plätze waren besetzt.Die Kneipe war aber auch wunderschön. Keine Tapete dafür schöne warme Töne und Schwarzweissfotografien an den Wänden und viele Kerzen und weisse Blumen. Wenn ich Blumen verschenke, dann immer nur weisse Blumen, am liebsten viele verschiedene Sorten, aber immer alle weiss. Weiss hat eine solche edle Vielfalt wie keine andere Farbe für mich.

Und da sass er - ging so - und kam mir entgegen (klasse Satz ). Ich hatte zum Glück gleich das Gefühl, dass ich ihm gefiel. Das machte es etwas leichter. Es ist schon ein bisschen wie schön, nach so langer Zeit mal wieder auf Anhieb jemand zu gefallen.

Die Karte bot feine Leckereien, aber ich bin keine Feinschmeckerin. Ich will immer dasselbe, wenn es mir einmal geschmeckt hat und schätze ständige Änderungen in Speisekarten nicht wirklich. Aber hier gab es zum Glück auch bekannte Sachen, und wir bestellten munter drauf los. Mein erstes Gericht war ein kleines Bier - ich war noch etwas gehemmt - dem ein grosses Bier folgte und Mozzarella mit Tomaten, mein eigentliches Grundnahrungsmittel.

Wir unterhielten uns anfangs etwas schleppend, aber nach dem grossen Bier sprachen wir schon flüssiger.

Und dann kam der Kellner wieder an unseren Tisch.

Er sagte, dass er noch zwei Gäste an unseren Tisch quetschen muss, weil, die hätten auch bestellt, und nirgends sei mehr ein Platz frei. Ich sah hoch und gleich danach unter den Tisch, aber da war auch kein Platz mehr.

Die zwei grüssten ganz höflich und setzten sich an unseren Tisch. Und dann erkannten sie mich auch.

Es waren meine Ex - Schwiegereltern! Wir sind noch nicht sehr lange auseinander, meine Schwiegereltern und ich. Aber wir sind es. Und wir hatten uns seit der Scheidung nicht mehr gesehen.

Also, unsere Unterhaltung, die - nicht zuletzt durch die zwei Bierchen - schon recht locker geworden war, obwohl er, Robert, 51... auch nach eben diesen zwei Bierchen nicht zu den Top ten auf meiner Männer - Wunschliste - handverlesene Prachtexemplare, versteht sich - gehören würde, also, unsere nette Unterhaltung ebbte irgendwie ganz spontan wieder ab.

Und ich wandte mich mehr und mehr meinen Schwiegerletern zu, mit denen ich doch noch einiges zu bereden hatte.

Ehrlich gesagt, so richtig habe ich gar nicht gemerkt, wann er dann eigentlich gegangen ist. Ich würde mal so sagen : Zur Weissglut habe ich ihn vielleicht sogar gebracht.

Damit dürfte er von diesem Abend nicht allzu enttäuscht sein, ausser, er hatte das irgendwie anders gemeint.

Und mit meinen Schwiegereltern ist jetzt wenigstens alles klar. Wir haben uns endlich mal richtig ausgesprochen. Und jetzt, da sie nicht mehr meine Schwiegereltern sein müssen und ich aus der Schwiegertochterrolle ausgestiegen bin, sind sie mir viel sympathischer als die ganzen Jahre zuvor. Ein schönes Gefühl. Und ich könnte gleich Tucholsky umdichten in "Fang keine NEUE Verwandtschaft an - guck dir lieber die Landschaft an". Es ist mit der angeborenen Verwandtschaft manchmal schon schwierig genug.

Aber die vielen Wodka, die wir auf unsere Brüderschaft getrunken haben, wären nicht unbedingt alle nötig gewesen. Schliesslich haben wir uns vor "unserer" Scheidung auch schon geduzt. Aber irgendwie fanden wir gerade das besonders originell.

Wir haben so viele Schnäpse getrunken, dass wir uns nie wieder duzen können.

Gerne wüsste ich nur, ob Robert, 51, sich nun auch mit meinen Schwiegereltern duzt, oder ob er schon vorher...?! Ich habe da leider einen totalen Aussetzer. Tja, naja, was soll`s.

Und heute bade ich das alles aus. Leider bade ich des öfteren so etwas aus.

Meine armen Schwiegi`s! Die sind so was überhaupt nicht gewöhnt. Wie es denen wohl heute gehen mag?! Mir, wie gesagt, geht es heute nicht besonders.

Und dabei habe ich gestern nicht mal eine einzige Zigarette geraucht. Nicht mal heimlich. Es funktioniert: Kein Krebs = keine Zigarette.

Mein Hund hält mich gesund.Wer weiss, wie es mir sonst heute gehen würde.

 Mit der nächsten Annonce treffe ich mich trotzdem irgendwo, wo man nicht bestellen muss.

29.1.07 19:58

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